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Freitag, 2. August 2013

Buchvorstellung III - Hexer Saga

Reaktionen: 
Es wird mal wieder Zeit für eine Buchvorstellung. Diesmal soll es die Buchreihe von Andrzej Sapkowski sein, die ich mir einmal genauer ansehen möchte. (Also ist es genau genommen eine Büchervorstellung, aber wer will denn pingeln?)

Der erste Band - Der letzte Wunsch - der Reihe erschien erstmals 1993 in polnischer Originalsprache und ist eine Reihe von sechs Kurzgeschichten, die von der Rahmenerzählung Die Stimme der Vernunft zusammengehalten werden. Protagonist ist de Hexer Geralt von Riva, der seit seiner Kindheit ausgebildet und mutiert wurde, die Menschen vor Monstern zu beschützen. Er kann größere Schmerzen ertragen, ist stärker und kann im Dunkeln sehen.
Für wen das jetzt nach Gary Stu klingt, dem stimme ich hier teilweise zu. Gerade in den ersten beiden Bänden, die jeweils Kurzgeschichtensammlungen sind, kommt Geralt oftmals als übermächtiger Krieger daher, der noch dazu jede Frau ins Bett kriegt. Es hilft allerdings, dass die Bücher ihren eigenen Humor haben und die an sich düstere Fantasywelt mitunter durch die Linse der Ironie betrachten. Das kann von kurzen Beobachtungen der Hauptcharaktere bis hin zu einigen Märchenparodien führen, die mitunter wirklich zum Schlapplachen sind. Außerdem wird der Charakter Geralts im Laufe der Bücher immer komplexer. Wenn die Reihe dann in Band drei - Das Erbe der Elfen - die Kurzgeschichtenwurzel hinter sich lässt und in eine übergeordnete Haupthandlung übergeht, ist vom übermächtigen Geralt wenig geblieben. Stattdessen erleben wir einen runden, innerlich zerrissenen Charakter, der sich in eine Wahrsagung verstrickt findet und sich verpflichtet, auf ein junges Mädchen achtzugeben.


Copyright: dtv

Überhaupt bringt Sapkowski es immer wieder fertig, Fantasyklischees einen ganz eigenen Twist zu verleihen. Das liegt nicht zuletzt an der osteuropäisch angehauchten Welt, in der die Bücher spielen.
Es ist eine Welt, in der es Elfen gibt und Zwerge, Trolle, Untote, Drachen, Golems, unsterbliche Magier, Geister und Gespenster - mit Tolkien hat es dennoch wenig zu tun.
Elfen und Zwerge leben in Ghettos, weil die Menschen sich immer weiter ausbreiten, Drachen sind beinahe verschwunden, Magier meistens weiblich und sehr darauf bedacht, die Geschicke der Königreiche aus den Schatten heraus zu lenken. Und die Monster? Nun, Geralts Vorgänger haben ganze Arbeit geleistet, denn die Kreaturen, die vor Jahrzehnten noch Dörfler und Reisende in Angst und Schrecken versetzt haben, sind rar gesät. Die Ausbreitung des Menschen beraubt sie ihrer Lebensräume und so ist es kaum noch verwunderlich, wenn Geralts vermeintliche Beute mitunter zivilisierter daherkommt als Bauern, Ritter und Könige.
Im Großen und Ganzen ist Sapkowskis Welt eine düstere, von Krieg und Armut gezeichnet und den Launen der Mächtigen ausgesetzt. Hinter dem Schrecken der Zivilisation liegen Sagengestalten und Legenden versteckt, die von Zeit und Weitergabe verzerrrt wurden und alte Prophezeiungen sind eine Gefahr für alle, die mit ihnen in Verbindung kommen. Irgendwie schafft Sapkowski es, die Grenzen zwischen High Fantasy - Magie und Fabelwesen, wo man nur hinschaut - und Low Fantasy - dreckige, harte, menschliche Geschichten - zu verwischen und so etwas ganz eigenes zu schaffen.
Ebenso gelingt ihm die Balance zwischen Ernst und Humor, die in so einem düsteren Setting dringend nötig ist, was nicht zuletzt an großartigen Nebencharakteren liegt, wie dem Barden Rittersporn.


Copyright: CD Project Red
 
Die einzelnen Geschichten sind meist einfach gehalten, aber die übergreifende Handlung der gesamten Reihe ist komplex und beleuchtet die Politik mehrerer, in sich immer wieder wiederholende Kriege verwickelte Königreiche, Leben und Soziales in einer harten und unnachgiebigen Welt und die Konsequenzen von Handlungen und die Auswirkungen menschlichen Verhaltens. So ist Geralts Verhältnis zu seiner Ziehtochter zwar liebevoll, aber auch von Zweifeln geprägt und Yennefer - die Frau, die er liebt - selten durchschaubar. Mit konventionellen Moralvorstellungen sind sowohl der Autor als auch die Leser schnell durch und bei mehr als einem Charakter ist der Aufbau von Sympathie geradezu echte Arbeit.
Umso großartiger ist es aber, in eine Welt abzutauchen, deren tiefe Wurzeln bis in die Urzeit der menschlichen Psyche und Weltwahrnehmung und in unsere eigenen Legenden zurückreichen und die Handlung, die Charaktere und die nicht gerade geringe Anzahl an Anspielungen und Parodien zu genießen, die so absolut einzigartig im Genre sind.

Was mich allerdings bei jedem Lesen besonders begeistert, ist Sapkowskis Fähigkeit, viele Szenen praktisch nur über Dialoge abzuwickeln. Obwohl er in diesen Situationen praktisch auf Beschreibungen der Umgebung verzichtet, weiß man zu jeder Zeit, wo sich die Charaktere befinden und was sie tun.


Copyright: CD Project Red

Ich kann die Reihe nur jedem empfehlen, zumal die osteuropäischen Einflüsse Sapkowskis Welt zu etwas absolut einzigartigem machen und die Stimmung Ihresgleichen sucht.
Inzwischen existieren zu der Serie auch zwei Computerspiele, ihrerseits würdige Erweiterungen von Setting und Charakteren, die das übergreifende Hexer-Thema - in einer komplizierten Welt kann es keine einfachen Entscheidungen geben - erfolgreich in das neue Medium übertragen. Sowohl der erste Teil The Witcher, als auch der Nachfolger The Witcher 2: Assassins of Kings sind inzwischen für einen Appel und ein Ei zu haben, Assassins of Kings verlangt aber nach einem außerordentlich leistungsfähigen PC oder einer Konsole, damit man es wirklich genießen kann.
Insgesamt beläuft sich die Buchreihe auf sieben Bände: Der letzte Wunsch, Das Schwert der Vorsehung, Das Erbe der Elfen, Die Zeit der Verachtung, Feuertaufe, Der Schwalbenturm und Die Dame vom See.

Kommentare:

  1. Ich habe schon so viel Gutes über diese Reihe gehört! Deine Vorstellung bestärkt mich da noch, sie irgendwann anzufangen :)

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    1. Ich kann sie wirklich nur uneingeschränkt empfehlen. Musste mich in die Kurzgeschichten zwar erstmal reinfinden (war humoriger als erwartet), aber danach habe ich stets dem nächsten Band entgegengefiebert.

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