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Samstag, 6. Juli 2013

Über das Schmieden von Welten IV/1 - Konzepte & Ideen

Reaktionen: 
Erst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass es letzte Woche keinen Beitrag gab. Ich hatte zu viel um die Ohren und mit einem Mal war schon Sonntag. Wäre mir dann allerdings diese Woche beinahe wieder passiert.
Heute gibts dafür den Anfang einer (erstmal) zweiteiligen Serie zum Thema Konzepte & Ideen. Was es damit auf sich hat? Das erfahrt ihr gleich.



Diese Woche sind Ideen das Thema.
Nein, ich diskutiere keine Handlungsideen, dafür hab ich selbst zu wenige (und bin zu geizig). Stattdessen will ich Ideen und Konzepte diskutieren, wie sie in einer Fantasywelt existieren können und welche Voraussetzungen sie mit sich bringen. In diesem Zusammenhang will ich mich auch mit Begriffen beschäftigen, deren Existenz in einer Fantasywelt, die sich von unserer abhebt, keinen Sinn machen - unabhängig von der kreativen Energie mit der der Autor versucht, sie zu rechtfertigen.
Diese Woche möchte ich mich mit den großen Ideen auseinandersetzen, die eine Welt lebendig machen oder sie zu Fall bringen können. Nächste Woche soll es dann mit einem kleineren Feld weitergehen, der Frage, was ein Charakter kennen kann und wie es sein Denken beeinflussen wird.

Fangen wir mit den großen Dingen an, also Konzepten, die aus dem Grundgerüst einer Fantasywelt herausstechen, weil sie bestimmte Voraussetzungen benötigen, die technisch, historisch oder logisch (noch) nicht vorhanden sind.
Einer der Klassiker ist mir erst kürzlich in einem Buch begegnet. Die Protagonistin (nennen wir sie Timma) wächst in einem kleinen Dorf auf - gewalttätiger Vater inklusive. An sich werden ihre Lebensumstände als typisch mittelalterlich beschrieben, Krankheiten, Armut und körperliche Arbeit werden ebenso erwähnt, wie der Umstand, dass der Vater monatelang von zuhause fort ist, nachdem er von der Armee zwangsrekrutiert wurde. So weit so gut.
Dann kommt dieser eine Satz und ich bin bereits nach knapp zwanzig Seiten versucht, mit dem Lesen aufzuhören:
In einem Nebensatz wird erwähnt, dass die Lehrerin der örtlichen Schule Timma zwar für schlau, aber auch für eine Träumerin hält.
Schule? Lehrerin? LehrerIN?
Sicher, Schulen gab es bereits bei den Sumerern und natürlich bei den alten Griechen. Die Existenz einer Schule in der Welt, die der Autor geschaffen hat, wäre also nicht unvorstellbar. Aber sie wäre sicherlich nur für diejenigen zugänglich, die genügend großes Einkommen hätten, für Adelige und – wenn die Standesbarrieren bereits erodiert sein sollten – für Kinder reicher Kaufleute. Dann fände man diese Schule aber sicher nicht in einem kleinen Dorf, in dem die Kinder arbeiten müssen, damit die Familie überleben kann. Um das zu untermauern braucht man sich nur einmal in der heutigen Welt umsehen: Kinder besuchen am seltensten dort Schulen, wo Armut herrscht und Familien auf jeden Pfennig (oder Cent, für die Jüngeren) angewiesen sind, den sie zusammenklauben können. Dort gibt es weder Zeit, noch Bereitschaft, Kinder freizustellen, damit sie Dinge lernen können, die sie in ihrem elenden Lebensumfeld gar nicht gebrauchen können.

Mönche in der Klosterschule

Schulbildung war bis zur Industrialisierung – und oftmals noch viel später – ein Vorrecht der Reichen und Mächtigen oder bestimmten gesellschaftlichen Klassen vorbehalten wie etwa Mönchen. Selbst Adelige lernten nicht selten weder Lesen noch Schreiben. 
Abgesehen davon, dass keine dieser Klassen in dörfischer Armut lebt, gab es aber noch eine Gemeinsamkeit: Es handelte sich ausschließlich um Männer. Noch unwahrscheinlicher also als Schulbildung für Dorfkinder ist Schulbildung für Dorfmädchen, gerade in einer Welt, in der Geschlechtergleichstellung nicht existent ist. Was dann auch die letzte Frage aufwirft: wo bitte kommt die Lehrerin her? Selbst in Adelsfamilien war es äußerst unüblich, Frauen irgendeine ausufernde Ausbildung angedeihen zu lassen – viele konnten weder Lesen und Schreiben. Diejenigen, die es konnten, fanden sicherlich nicht ihren Weg an Dorfschulen.
Das Beispiel zeigt, wie ein dahingeworfener Satz die Suspension of Disbelief für eine ganze Welt aushebeln kann. 
Damit die Umstände eintreten, die der Autor beschreibt, müsste seine Welt über eine einheitliche Herrschaft verfügen (tut sie nur bedingt), die Standesgesellschaft abgeschafft haben (hat sie nicht), Wohlstand für eine breite Masse der Bevölkerung bieten (tut sie nicht) und die sozialen und ethischen Grundüberlegungen für die Schaffung eines wie auch immer gearteten Bildungssystems getan haben (hat sie nicht). Oh – und die Gleichstellung der Geschlechter akzeptieren (dreimal dürft ihr raten). Dann kann auch Timma in die Schule gehen und von einer Welt träumen, in der Klischees eine gute Sache sind.
Kann sie aber nicht.

Wie Timmas Leben wohl eher aussah.

Andere Beispiele betreffen eher materielle Erfindungen. Lösen wir uns vom Buch:
Sagen wir, die Frau Lehrerin trägt eine Brille (tut sie nicht, jedenfalls wird es nicht erwähnt). Das bedeutet, die Welt, in der wir uns befinden, hat Glasbearbeitung gemeistert. So weit, so gut, Glasbearbeitung und -herstellung gibt’s schon seit knapp 3500 Jahren. Da war es aber noch zu milchig um groß was durch zu sehen. Perfektioniert wurde die Technik erst viel später, weshalb zur Herstellung von Sehhilfen oftmals konvex geschliffene Edelsteine verwendet wurden (sprich: teuer). Die erste Brille ist wohl gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstanden, war aber immer noch teuer und kaum verbreitet. Die erste Brille zur Korrektur von Sehfehlern wurde 1909 patentiert. In Massenproduktion – so, dass eine Dorflehrerin sich eine Brille leisten konnte – gingen sie wohl erst 1912. Nein, das sind keine Tippfehler.

Ein absoluter Klassiker aus der Reihe „Hab's geschrieben, aber nicht durchdacht“, betrifft Kommunikation über lange Distanzen.
Feldherr Timmy der Große, Retter des Weißen Kaiserreichs, ist an der östlichen Küste um die dort landenden Seeräuber zurückzuschlagen. Von einem tödlich verwundeten Feind erfährt er, dass die Invasion im Osten nur eine Finte ist. Der wahre Angriff soll zweitausend Meilen weiter nördlich erfolgen, wo Timmys große Liebe Schakkeline die Hauptstadt des Reiches verwaltet.
Schnitt zu Schakkeline, nächster Tag.
Sie hat soeben von Timmys Entdeckung erfahren und die kaiserliche Garde entsandt, damit sie den Seeräubern einen Hinterhalt legt. Den Göttern sei Dank, hat sie Timmys Nachricht rechtzeitig erhalten.
Äh … und wie bitte ist das vonstatten gegangen? Wenn es in der Welt keine magische Kommunikationsmethode gibt (oder die zuvor nicht erwähnt wurde), gibt es keine Erklärung, wie all die Meilen innerhalb eines Tages überbrückt werden konnten. Brieftauben? Die können zwar tausend Kilometer am Tag schaffen, realistischer sind aber maximal fünfhundert Kilometer, geeignetes Wetter vorausgesetzt. Kuriere? Brauchen länger, selbst mit ausgefeilten Postsystemen und das setzt voraus, dass die Seeräuber nicht irgendwo im Hinterhalt liegen um Reiter abzufangen und Vögel mit Pfeilen zu spicken.
Gut, sagen wir, es gibt eine magische Methode der Kommunikation. Warum versuchen die Seeräuber dann überhaupt ihre Ablenkung, wenn sie wissen, dass Nachricht von ihren Angriffen oder ihren Plänen innerhalb kürzester Zeit einen ganzen Kontinent überqueren können. Überhaupt: wieso hat eine so schnelle Kommunikation die Welt nicht bereits so weit verändert, dass der oberste Feldherr nicht mehr persönlich an der Küste auftauchen muss, sondern einem begabten Untergebenen per MagiCom Anweisungen erteilen kann?
Ist MagiComm selten? Gut, das könnte ich als Erklärung akzeptieren.

Twitter.

Wie bereits eingangs erwähnt wurde, setzen bestimmte Errungenschaften bestimmte Vorgänge und Entwicklungen voraus, die ihrerseits Einfluss auf die Welt um sie herum haben.
Schulen für Dorfkinder? Dann bitte auch ein Bildungssystems und Abkehr von der Standesgesellschaft. Brillen? Jemand sollte Glas bearbeiten können und genug Menschen lesen können. Langstreckenkommunikation? Entweder mit Magie oder mit massiven Nachteilen. Schießpulver? Wenn es lang genug bekannt ist, warum reiten dann immer noch Ritter in Plattenrüstung in die Schlacht? Frauenrechte? Dann sollte die herrschende Kirche besser keine andersartigen Vorstellungen haben.

Nächste Woche geht es dann mit einem stärker fokussierten Blick auf Charaktere weiter.

Kommentare:

  1. Ich gestehe, der Beginn deines Artikels hat in mir einiges an Widerstand und Wille zum Widersprechen geweckt, da ich gerade die Fantasy-Literatur bzw. fiktive Welten im Allgemeinen für so faszinierend halte, weil sie das Privileg haben, sich völlig von unserer Realität zu lösen.

    Was hindert dich zum Beispiel daran, eine fiktive Welt mit mittelalterlichem Hintergrund zu entwerfen, in der bedingt durch die Religion eine Gleichwertigkeit der Geschlechter gilt und in der ein wohlwollender Herrscher die Schulpflicht durchsetzt, weil er sich davon wirtschaftlichen Aufschwung verspricht? Dann wäre eine solche Dorfschule mit Lehrerin machbar. Muss ja nicht immer jedes mittelalterliche Szenario auf einen 1:1-Abgleich unseres realen Mittelalters hinauslaufen. Das wäre ja auch langweilig ;)

    Natürlich ist aber die Kernaussage deines Textes eine ganz andere, also ehe ich ins spekulative bei den Brillen abrutsche: Ja, du hast recht, eine fiktive Welt muss ihre eigene innere Logik haben, ansonsten wird sie unglaubwürdig.
    Mein Paradebeispiel für sowas ist ja immer noch Eragon, über dessen Ungereimtheiten man ganze Bücher verfassen könnte....aber naja. Eragon ist Eragon, lassen wir das.

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    1. Klar muss nicht alles 1:1 dem Mittelalter entsprechen, das wäre ja öde! Aber als relativ kopflastiger Leser (blöder Ausdruck, Lesen ist ja immer eine Kopfsache, aber "rational" klingt da auch nicht besser) stören mich solche Details auch sehr, wenn sie ansonsten nicht der Logik der fiktiven Welt entsprechen. Im genannten Beispiel hätte der Nebensatz genügt, dass der lokale Lord die Schule als Beschäftigungsfeld für seine intelligente, aber hässliche und darum noch ledige Tochter eingerichtet hat... Mögliche Begründungen gibt es genügend, aber es sollte eine da sein, sonst hat der Autor sich nichts dabei überlegt, sondern schlicht beim Weltenbau geschlampt.

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    2. Oh, lass uns nicht von Eragon reden :D Frau Katz hat in ihrer wundervollen Lesung so ziemlich alles gesagt, was zu sagen war und wir wollen uns mit diesem "Erben Tolkiens" mal nicht länger auseinandersetzen ;)

      Was deinen Kommentar angeht:
      es ist das alte Missverständnis zwischen dem, was fiktiv und dem, was unglaubwürdig ist. Man kann eine Geschichte über einen Clan blauer Schleimkugeln schreiben, die in Schlössern aus Bauschaum leben und das ganze glaubwürdig wirken lassen, solange man sich an die Regeln hält, die man für diese Welt aufgestellt hat (und die Handlung nachvollziehbar ist). Genau so kann man klassische Mittelalterfantasy in einer mitteleuropäisch angehauchten Welt schreiben und unglaubwürdig wirken, weil man auf Seite drei dem widerspricht, was man auf Seite 1 etabliert hat.
      Am wichtigsten ist es einfach, die Dinge, die von unserer Welt abweichen, rechtzeitig anzudeuten oder zu erklären, damit man die Bereitschaft, die fiktive Welt hinzunehmen, im Leser nicht überstrapaziert.

      Julia beschreibt es schön:
      die Erklärung, die sie für die Schule liefert, ist knapp eine Zeile lang und macht Sinn. Natürlich hätte man dann einen lokalen Lord in die Geschichte einfügen müssen, womöglich hätte sich dann das Dorf verändert und mit ihm die Geschichte ...
      ich hatte aber das Gefühl, der Autor wolle sich die Mühe nicht machen, aber trotzdem den leichten Weg bei Timmas Charakterisierung gehen. Quasi auf zwei Hochzeiten tanzen. Hat für mich zumindest nicht funktioniert und ich denke für andere "kopflastige Leser" auch nicht ;)

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  2. Du bringst Dinge auf den Punkt, über die ich mich bei Hobby- und Berufsschreibern gleichermaßen immer wieder aufregen kann: Wenn man deinem Beispiel folgt, sagt das:
    "Unter bestimmten Bedingungen kann Timma zur Schule gehen und von einer Lehrerin unterrichtet werden. Diese müssen jedoch intrinsisch von der Welt vorgegeben werden, statt ihr zu widersprechen" - und da stimme ich zu.
    Vielleicht bin ich überkritisch, aber bei solchen Dingen könnte ich in Berserkerwut verfallen und das unschuldige Buch (was kann das Papier für seinen Inhalt?) irgendwie malträtieren. Was ich aber nie tue, dafür habe ich zu großen Respekt selbst vor schlechten Büchern...

    Das Problem, das ich mal hatte:
    Ich deute an, dass meine Protagonistin die Schule abgeschlossen hat, dass sie viele Klassen gemacht hat, dass man das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes im Voraus bestimmen konnte etc. etc. - und trotzdem kommen Leser daher und stufen das Ding als mittelalterlich ein.
    Warum? Weil sie es von den unlogischen Mittelaltergeschichten leider so gewohnt sind -.-

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    1. Ich denke das Problem hat auch hier wieder mit der Wahrnehmung des Fantasy-Genres an sich zu tun. Es ist ja Fantasy, ergo Phantasie, also Ausgedachtes, d.h. e ist nicht real.
      Dass das nicht gleichzusetzen ist mit Fantasy = Freifahrtschein unrealistisch/unlogisch zu sein, will vielen nicht einleuchten.

      Was dein Problem angeht:
      mir fehlt leider gerade der Kontext um es nachzuvollziehen, würde es dir was ausmachen, etwas weiter auszuführen, was genau du meinst? :)

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